Mediaval-Solidaritäts-Festivals








Interview: Circus of Fools

Jede Wette, über dieses Konzert wird man auch nach dem Festivalwochenende reden. Ich bin wirklich nicht der größte Metal Fan auf Erden, ganz im Gegenteil. Trotzdem werde ich mir das nicht entgehen lassen. Und ich kann jeden nur raten sich die Freakshow der „Circus of Fools“ einmal anzuschauen. Es wird laut, es wird sehenswert und es wird sicher nie langweilig.
In unserem kleinen Interview wollen wir Euch die außergewöhnliche Band einmal etwas näherbringen und haben deshalb Tim Strouken, Sänger der Band ,9 Fragen gestellt.

Na ihr Fools habt ihr Euch von dem Schock erholt, nach 2 Jahren Pause endlich mal wieder ein Konzertwochenende zu spielen und dann sind gleich 5 „Clowns“ positiv. Wie ist es Euch denn die letzten 2 Jahre ergangen?
Wir hatten zumindest immer was zu tun! Wir haben ja die letzten zwei Jahre hart an unserem neuen Album gearbeitet und die Corona-Zeit genutzt um das absolute MAXIMUM aus den neuen Songs heraus zu holen. Tatkräftig dabei haben uns übrigens unsere unglaublich treuen Fans, die unser Crowdfunding zum Album zu einem Wahnsinnserfolg gemacht haben und uns so die Möglichkeit gegeben haben letzten Herbst drei Wochen intensiv im Studio unseres Lieblingsproduzenten Christoph Wieczorek am Album arbeiten zu können. Es ist so unglaublich mächtig geworden! Bis zum Mediaval-Solidaritäts-Festival wird übrigens auch die erste Single „Our Digital Drug“ (Release 22.04.2022) erschienen sein. Ein überraschender Song vermutlich für viele, aber Circus of Fools sind nun mal ein Teufelchen aus einer Schachtel: Zurücklehnen und sich sicher sein, was man erhalten wird, kann man bei uns nie. Man kann AC/DC heißen und seit nem halben Jahrhundert immer die gleichen Riffs spielen, oder man ist halt ein wahrer Zirkus voller Überraschungen… Aber ich schweife ab, es ging um Corona – Das Fehlen der Liveshows ist für uns wirklich das Schlimmste, wir zehren sehr aus der Kommunikation, dem Feiern mit den Besucher*innen der Konzerte und natürlich ist es bitter, wenn man alle Entbehrungen überstanden hat, einen MEGA Einstieg in eine neue Konzertsaison feiert und dann fast alle krank werden, aber jetzt haben wir auch das überstanden, geimpft sind wir, jetzt auch noch genesen… wenn wir allesamt ein kleines bisschen auf einander achtgeben und vernünftig handeln, dann wird das ab jetzt die Festivalsaison, auf die wir die letzten zwei Jahre gewartet haben. Und das Mediaval-Solidaritäts-Festival eröffnet quasi den Open Air Reigen, nachdem das Hexentanz Festival jetzt noch mal um ein Jahr verschoben wurde, vermutlich eines unserer größten Shows dieses Jahr! Wir freuen uns unglaublich drauf!

Circus of Fools sind beim Festival-Mediaval bisher ein unbeschriebenes Blatt, eigentlich eine Sünde, denn ihr passt mit Eurer sehenswerten Show wunderbar zu diesem außergewöhnlichen Festival. Umso schöner, dass ihr Euch im Mai nun beim Benefizkonzert zugunsten des Festivals einmal vorstellen könnt. Wie wichtig ist Euch der visuelle Aspekt bei Euerer Show und auf was darf sich das Publikum in Selb freuen?
Wir sehen in der Kostümierung in unserer Show, ein bisschen das Geisteskind mittelalterlicher Hofnarren, fahrender Gauklertruppen und der Commedia dell’Arte sowie die Varieté Theater des frühen 20. Jahrhunderts. Die „Gewandungen“, wenn man diese verrückten Bühnenoutfits denn so nennen mag, machen uns zu Personifizierungen der Probleme die unsere Gesellschaft plagen, eine ironische Herangehensweise den Menschen den Spiegel vor zu halten. Wir fühlen uns dabei nicht in unseren Gedankengängen überlegen, sondern im Gegenteil, versuchen etwas auszusprechen, das jeder von uns im tiefsten Inneren eh schon weiß: Wie absurd unsere Welt eigentlich ist. Während andere Musiker auf Schönheit setzen, setzen wir auf die Faszination des Hässlichen. Wir sind halt alle auch eh schon so hässlich, als Schönling-Sexgott-Rockstars eignen wir einfach nicht^^. Aber das gibt uns auch die Möglichkeit völlig ab zu drehen. Circus of Fools Shows sind schweißtreibend, es gibt immer viel zum Mitmachen, hier wird der Wahnsinn zelebriert, Aerobic und Polonaisen bei Metalshows? Why not?

Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen, Euch gerade dafür zu bewerben, noch dazu wo es da diesmal ja nicht mal Gage gibt?
Ich bin mal ganz ehrlich: Ich weiß gar nicht mehr genau ob wir uns beworben haben, das über unseren Booker lief oder sogar das Festival uns zuerst angeschrieben hat. Was es auch gewesen sein mag, ich habe bisher über das Festival Mediaval wirklich nur sehr Gutes gehört und es ist WAHNSINNIG wichtig, dass sich in dieser Zeit Bands und Veranstalter gegenseitig unter die Arme greifen, wir haben es alle unglaublich schwer. Der Kontakt zum Veranstalter ist auch einfach richtig gut, da kümmert sich wer wirklich um die Bands und möchte, das alles fair und korrekt abläuft und wir unsere Show so präsentieren können wie wir das planen. Das ist absolut nicht selbstverständlich! Danke dafür schon jetzt im Voraus!
Über Gagen und keine Gagen zu reden, ist im Moment eh ziemlich schwierig, denn der Markt ist kaputt. Da werden Beträge als Festpauschalgage von anderen Veranstaltern genannt, die nicht mal annähernd unsere Fahrtkosten decken und wir müssen uns auch noch selbst um Übernachtungen kümmern oder ähnliches. Und das komplett ohne jeglichen Benefizzweck. Völlig „normal“. Das hängt nun mal dran, dass alle Bands Shows suchen und die Festivals um Publikum kämpfen. Deshalb werden die bekanntesten Namen gerade zu enormen Preisen gehandelt und der Rest des Line-Ups mit Bands aufgefüllt, die am besten noch dafür zahlen, spielen zu dürfen. Wir müssen da jetzt durch und können nur hoffen, dass es sich bald wieder ändert.
Dieser Faktor spielt zum Glück beim Festival Mediaval absolut keine Rolle, wir fühlen uns jetzt schon wahnsinnig wohl und begeistert aufgenommen aus wirklichem Interesse an uns als Band. Wir werden dem Publikum nächtliche bombastische 90 Minuten besorgen (so Rausschmeißer-Slots spielen wir echt besonders gerne, das passt irgendwie zu uns und es ist eine verdammte Ehre nach den großen Corvus Corax auftreten zu dürfen^^). Das wird der metallische Arschtritt ins Bett! :D

Da Euch viele im Frankenland noch nie erlebt haben ist es wichtig den Publikum Euere einzigartige Freakshow mal etwas näher zu bringen. Den Musikstil einzuordnen ist eigentlich unmöglich. Von Gothic über Steampunk bis zu allen möglichen Arten von Metal findet man bei Euch wieder. Aber ihr könnt das sicher selbst besser beschreiben, was einem bei einem Circus of Fools Konzert musikalisch erwartet?
Hahaha :D genau alles was du sagst. Selber nennen wir es Modern Metal Madness. Modern und Madness sind dabei irgendwie die beiden Spektren zwischen denen sich unser Metal eingenistet hat. Auf der einen Seite elektronisches, EBM, Industrial, Breakdowns, auf der anderen Seite Gothic, Folk, Steampunk, symphonisches. Ein Melting-Pot, aber trotzdem haben wir in den letzten Jahren einen eigenen, ganz unverkennbaren Sound gefunden.

Ich hatte das Glück Euch beim Autumn Moon 2016 live zu sehen und ihr seid mir absolut bleibend in Erinnerung geblieben. Damals noch mit Charlotte Lauel als weibliche Stimme. Carolin Saia, ihre Nachfolgerin habe ich leider nie erlebt. Seit 2021 gibt es mit Tammy Keinath ja eine neue Frau als Sängerin. Wie habt ihr Euch denn gefunden? Ich weiß ihr habt auch über ein Casting mittels Facebook gesucht? Ja, nachdem Caro leider gemerkt hatte, dass die Arbeit mit Circus of Fools ihr einfach zu viel wurde und nicht mehr in ihr sonstiges Leben gepasst hat, haben wir eine öffentliche Ausschreibung getätigt. Darauf haben sich echt erstaunlich viele beworben. Wir haben dann mit einer kleineren Auswahl unserer Favoriten ein paar Testaufnahmen neuer Songs gemacht und Tammy passte einfach, sowohl von ihrer Persönlichkeit als auch von ihrer Wahnsinnsstimme her, die wirklich unglaublich vielseitig ist, am besten zu uns. Das war absolut Glück im Unglück und wir haben jetzt ja schon bald ein Jahr mit ihr zusammengearbeitet: Sie überrascht uns immer und immer wieder. Großartig!

Während der Corona-Pandemie ist Euere EP „Affair of the Poisons - The Corona Sessions“ entstanden, die sich mit der Giftaffäre am Hof Ludwig XIV beschäftigt. Eine Metapher für den ganzen Verschwörungswahn der aktuellen Zeit und Euer Beitrag dazu?
Schlichte Antwort: Jup.
Längere Antwort: Inspiriert wurde ich bei der Idee von Arthur Miller, dessen The Crucible ebenfalls Hexenprozesse (in seinem Fall die Salem Witch Trials) als Metapher für eine von Verschwörungen getränkte moderne Zeit hernahm (in seinem Fall die Kommunistenverfolgung von Joseph McCarthy) Wir betrachten auf der EP das Schicksal einiger Schlüsselfiguren und -Momente im Rahmen der Giftaffäre: Eine Hebamme und „Engelmacherin“ namens Catherine Monvoisin, genannt „La Voisin“, die als Hexe angeklagt wurde und deren Gerichtsverhandlungen den Stein eines der größten Skandale der Geschichte ins Rollen gebracht hatte; Die „Dark Clouds“, die dunklen Wolken die über Versaille und Paris herein rollten und jeder jeden verdächtigte; Die Chambre Ardente, die Kommission welche zur Aufklärung der Affäre eingesetzt wurde, die im Namen Gottes schlimmste Folterungen durchführte und für einen kurzen Moment die Heilige Inquisition wieder aufleben ließ; Und zu Letzt der Mann in der eisernen Maske, zu dieser Figur gibt es unzählige Mythen und Legenden und genauso viele wissenschaftlich fundierte Theorien. Kommt dir bekannt vor? In wie weit sie tatsächlich an der Giftaffäre beteiligt war ist eher spekulativ bis unwahrscheinlich, aber das ist dann künstlerische Freiheit, nicht wahr?

10 Jahre gibt es die Circus of Fools in diesem Jahr und am 26.11.2022 wird es in Reutlingen ja auch ein großes Jubiläumskonzert geben. Und eine neue CD, die ihr ja mittels Startnext finanziert habt. Bringt uns doch mal auf den neuesten Stand?
Wie gesagt, am 22.04.22 kam die erste Single raus und im Laufe des Jahres noch weitere, das Album ist fertig, wir sind selbst total begeistert und können es nicht erwarten, euch endlich die neuen Songs zu präsentieren. Es ist das bei weitem größte und aufwendigste Albumprojekt unserer Karriere und der Aufwand hat sich sowas von gelohnt. Es ist immer schön, wenn man die Entwicklung einer ersten Komposition bis zum Endprodukt verfolgen kann, aber wenn man so sehen kann wie sich die Raupe verpuppt und dann seine Flügel langsam auffaltet zu einem riesigen Schmetterling, dann ist das was ganz Besonderes. Ich habe selber bei manchen Songs Tränen in den Augen, wenn ich sie anhöre, weil sie so perfekt sind. :D Genug der Prahlerei^^. Die Geburtstagsfete wird auch was ganz besonderes, mit Cypecore und Virocracy haben wir zwei Bands eingeladen, die ebenfalls einen ganz eigenen Blick auf die Frage „Nach uns die Sintflut?“ (also was kommt nach unserer Gesellschaft, die sich selbst in den Abgrund spielt?) haben. Ein Abend voller Dystopien als Jubiläumsfeier mutet definitiv zynisch an. Aber wer zynisch ist, freut sich über den Spaß und die Positivität umso mehr. Denn, solange wir unsere Idee von der Dystopie noch feiern können, ist diese Zukunft noch nicht erreicht - und das ist ja was Positives! Tanz die Apokalypse!

Während manche Musiker/innen geradezu peinlich bemüht sind möglichst nirgends anzuecken oder Menschen zu verprellen, tickt ihr da zum Glück ganz anders? Ihr habt auch den Mut Euch politisch relativ klar zu positionieren bzw. auch zu äußern. Ich finde ja das ist auch ein durchaus wichtiger Aspekt von Musik. Wie seht ihr das? In meinen Augen ist Musik (jegliche Form von Kunst) immer politisch, denn man vermittelt einem Zuhörer oder Zuschauer einen Eindruck von der eigenen Sicht auf die Welt. Das gilt meiner Ansicht nach sogar noch stärker für den Ballermann-Apre Ski-DJ als für einen John Lennon, der Imagine schreibt. Denn komplett zu ignorieren, dass die Welt scheiße ist, ist ein verdammt klares politisches Signal. „Wir sind ach so unpolitisch“-Aussagen kommen meistens von Bands und Künstlern, denen vorgeworfen wurde eine diskriminierende, menschenverachtende oder misogyne/sexistische Position zu vertreten in ihren Songtexten oder auch als Persönlichkeiten hinter der Band. Es ist eine Art von Schutzmechanismus - Aber eigentlich sagt es nur aus „Ja ich weiß, dass ich diese Positionen vertrete, aber ich kann das nicht direkt zugeben, weil dann werde ich nicht mehr gebucht“. Das gleiche gilt, wenn Bands sagen, dass man die Musik getrennt von den Persönlichkeiten hinter der Musik sehen muss, also wenn ein Mitglied der Band zum Beispiel auch Mitglied einer rechtsradikalen Partei ist. Was für ein absoluter Quatsch, Musik und Texte schreiben ist eines der persönlichsten Handlungen, die es gibt, man verflechtet darin Gedanken, Sorgen, Erfahrungen und im besten Fall erzeugt man darüber eine Vorbildfunktion für vor allem junge Fans. Musik und die Personen hinter dieser Musik haben mich so unglaublich geprägt in meiner Entwicklung und meiner Einstellung zur Welt… Und das wissen solche Leute natürlich. Aber die Gesellschaft ist bestrebt dies zu ignorieren, vor allem wenn diese „unpolitische“ Musik viel, viel Geld einbringt. Auch bei uns wäre eine weniger klare politische Positionierung vermutlich kapitalistisch gesehen vorteilhaft. Aber auch die Entscheidung das Geld wichtiger ist als eine klare Meinung, ist ja wieder eine politische Aussage, ist das verständlich? Deshalb spreche ich lieber direkt aus was ich denke und hoffe, dass ich andere Menschen dazu bringen kann über meine Gedanken ebenfalls nach zu denken.
Ach ja übrigens am schlimmsten finde ich „Fans“ die unter politischen Posts von Bands schreiben „haltet eure Meinung für euch und macht lieber wieder Musik“ oder so einen Müll. Ich will doch wissen, wie die Band tickt, die ich feiere, ich will wissen an was für Menschen mein Geld geht, wenn ich eine CD kaufe, ich will wissen wen ich unterstütze und ich will wissen wie ein Mensch tatsächlich denkt, der eine Textzeile geschrieben hat, die mich tief berührt. Und das von Anfang an. Später raus zu finden, dass der Musiker, den man sein Leben lang gefeiert und begleitet hat, eigentlich ein Arschgesicht ist, ist verdammt scheiße. Wenn ich offen damit umgehe was ich denke, verliere ich zwar vielleicht ein paar potentielle Menschen, die meine Musik gut finden würden, aber mit meinen Einstellungen nicht einverstanden sind, aber dafür gewinne ich umso treuere Fans und kann vielleicht sogar ein kleines bisschen die Welt verändern hin zu meiner persönlichen Utopie.

Und schon sind wir bei der letzten Frage angekommen, auch wenn ich noch so einiges gerne fragen würde. Denn ein Einblick in die Band Circus of Fool, das zeigt ja auch dieses kleine Interview ist eine spannende Geschichte Aber ich will mit einer Tradition nicht brechen und so ist dies Euer Joker. Was gibt es noch Wichtiges von den Circus of Fouls zu berichten, was das Publikum wissen sollte oder was liegt Euch noch besonders am Herzen?
Herzlichen Dank für die tollen Fragen! Wir freuen uns gigantisch auf die Festival Mediaval Benefizshow und hoffen natürlich, dass ihr mit uns bis tiiiief in die Nacht feiert. Wir haben einige Songs vom neuen Album dabei aber packen auch ein paar schon seeeeehr lange nicht mehr gespielte Schinken aus, also ein guter Querschnitt durch die letzten 10 Jahre. Kauft euch ein Ticket, sorgt dafür, dass es das Festival Mediaval UND Circus of Fools noch mindestens die nächsten 10 Jahre weitergeben kann!
Cheers!

Interview: Bernd Sonntag, RCN Magazin Nürnberg, Konzertreport.de